Aufbau einer slawischen Burganlage
Mittelslawischer Ringwall im Sumpf, nach R. Krüger 2026
Heute wird die slawische Besiedlung in Deutschland in drei Abschnitte eingeteilt, die als "frühslawisch" (um 700 bis ca. 875), "mittelslawisch" (um ca. 875 bis 980) und als "spätslawisch" (um ca. 980 bis 1220) bezeichnet werden. Früher war die Bezeichnung: altslawisch, mittelslawisch und jungslawisch gebräuchlich. Ich verwende sowohl die alte als auch die neue Bezeichnung.
Rekonstruktionsansicht der mittelslawischen Burgsiedlung von Sypniewo in Polen im 10. Jahrhundert, nach R. Krüger 2025

Typischer Wallaufbau einer slawischen Burg aus großen rostartigen Holzkästen mit Erdfüllung, nach R. Krüger 2026
Grundkonstruktion eines slawischen Burgwalls aus zwei hintereinander gesetzten Holzkästen, nach R. Krüger 2026
Mittelslawischer Ringwall von etwa 50 m Durchmesser aus der Vogelperspektive, nach R. Krüger 2025
Als die ersten Slawen um das Jahr 700 in unsere Gebiete einwanderten, entstanden schnell dörfliche Ansiedlungen. Nachdem eine gewisse Infrastruktur entstanden war, begann man mit der Errichtung von großräumigen Burganlagen in natürlich geschützten Niederungsgebieten oder auf schwer erreichbaren Höhenlagen, die ständig besiedelt, zeitweise bewohnt oder nur in Kriegszeiten und zu besonderen Anlässen aufgesucht wurden. Ursachen des frühslawischen Burgenbaus dürften die aufkommenden Wikingereinfälle ab 790 und Auseinandersetzungen mit dem Frankenreich unter "Karl dem Großen" gewesen sein. Aber auch Streitigkeiten unter den Slawenstämmen selbst führten zu der Errichtung von befestigten Burgen. Die Slawen bevorzugten für ihre Burgen und Siedlungen fast ausnahmslos die unmittelbare Nähe zu Gewässern (Flüsse, Sümpfe, Seen, Inseln, Halbinseln, Talsandinseln in überfluteten Niederungen usw.) Der bisher früheste archäologisch fassbare Burgenbau datiert um die Mitte des 8. Jahrhunderts (Burgwall Sukow in Mecklenburg-Vorpommern).
Burgwall Neubrandenburg "Ravensburg" in Mecklenburg-Vorpommern; Aufbau des Vorburgwalles nach R. Krüger 2026
Hier und da besiedelten die Slawen auch verlassene ältere bronzezeitliche/eisenzeitliche Wallanlagen neu. Vielleicht nahmen die Slawen solche älteren Wallanlagen als Vorbild für ihre Burganlagen? Slawische Festungen wurden nur aus Holz, Erde, Lehm und Feldsteinen errichtet und hatten meist ovale bis kreisrunde Grundrisse. Seltener waren fast viereckige Burgformen. Sollte ein natürlicher Bergsporn als Höhenburg ausgebaut werden, wurden meist nur die Zugangsseiten mit bogenförmigen Erdwällen gesichert (z.B. Burgwall Quadenschönfeld in Mecklenburg; Burgwall Reitwein in Brandenburg)
Inselburg von Behren-Lübchin in Mecklenburg-Vorpommern um 1000, nach R. Krüger 2025
Die auf natürliche Weise gesicherten Seiten einer solchen Höhenburg waren nur mit einfachen Holzpalisaden oder locker verfüllten Wallkonstruktionen befestigt. Aus einer Überlieferung aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts ist überliefert, wie die Slawen beim Bau einer mittelslawischen Niederungsburg vorgingen. Sie suchten sich einen strategisch günstig liegenden Ort in einer Niederung aus und steckten dort einen Platz vom beabsichtigten Umfang der Burg ab. Anschließend bauten sie aus Holz Rost- oder Kastensysteme, die sie nebeneinander und übereinander verbanden.
Aufbau vom Burgwall Berlin Spandau (Klosterfelde), nach R. Krüger 2026
In diese leeren Holzkästen fügten sie Erde, Lehm, Feldsteine und Holz ein, sowie den sonstigen Siedlungsabfall. Die Wälle von slawischen Burgen erreichten Höhen von etwa 4 bis 16 Metern und waren im Endstadium 10 bis 20 m breit. Auf der oberen Wallkrone errichteten sie zusätzlich noch hölzerne Palisadenwände oder auch überdachte Wehrgänge. An den Stellen, wo sie Tore in die Anlagen einfügen wollten, unterbrach man das Wallsystem und errichtete hier hohe Tortürme oder schmale Tunneltore durch den Wall.
Inselburg Behren-Lübchin Phase II in Mecklenburg-Vorpommern um/nach 1060, nach R. Krüger 2025
Die Erde, die man in die hölzernen Kastensysteme einfügte, grub man oft direkt vor der Wallanlage aus, so dass hier ein künstlicher Graben entstand, der die ganze Anlage umgab. Oftmals füllten sich diese flachen Gräben nach der Errichtung mit Wasser, da die meisten Burgen dieser Zeit in feuchten Niederungsgebieten, oder in der Nähe von Gewässern angelegt wurden. Diese breiten Gräben verhinderten, dass ein Feind direkt an den Burgwall gelangen konnte.
Inselburg mit Brückenzugang, nach R. Krüger 2025

Die Burgwallinsel von Spandau in Berlin, nach R. Krüger 2025
Burgwall Dallmin/Postlin in Brandenburg im 9./10. Jahrhundert, nach R. Krüger 2026
Wahrscheinlich befestigte man diese Gräben mit Flechtwerkzäunen oder Holzplanken, um ein Abrutschen zu vermeiden. Über die breiten Burggräben führten kurze hölzerne Brücken oder Erddämme zu den Eingangstoren. Weiterhin kann man eine bermenartige Lehmschutzschicht, aufgestapelte Feldsteine oder andere bauliche Maßnahmen zum Schutz vor brennenden Pfeilen usw. an der äußeren Burgwallfront vermuten.

Spätslawische Inselburg Behren-Lübchin in Mecklenburg-Vorpommern (zweite Burgphase im 11./12. Jahrhundert); gezeichnet von Thomas Schmidt aus Neubrandenburg 2013, nach einer Idee/Vorlage von Ronny Krüger

Slawen bei der Erneuerung eines Burgwalls, nach R. Krüger 2025
Direkt am Innenwall angelehnt lagen die Wohnbauten der Burgbewohner. Diese waren meist als Blockhütten oder als eingetiefte Grubenhäuser ausgeführt. Falls der Feind Geschosse in die Anlage schleuderte, wurden die meist leeren Burginnenflächen getroffen und konnten so weniger Schaden anrichten. Weiterhin ist auffällig, dass die frühslawischen Großraumburgen des 8./9. Jahrhunderts in Ostmecklenburg und Nordbrandenburg meist mehrgliedrig waren. Diese heute als "Feldberger Burgen" bezeichneten Anlagen bestanden aus einer, zwei oder drei befestigten Vorburgen, sowie einer kleineren Hauptburg. Diese kleineren Hauptburgen wurden vermutlich erst im Verlauf des späten 8. bis frühen 9. Jahrhunderts in die vorhandenen Anlagen integriert. Der Grund dafür war sicherlich die Herausbildung eines slawischen Burgadels, der eine kleinere eigene Anlage als Herrschaftssitz bevorzugte.
Mittelslawische Inselburg des 10. Jahrhunderts, nach R. Krüger 2026
In den befestigten Vorburgen waren vor allem Handwerker, Händler und Schutztruppen ansässig, die dem jeweiligen Burgherren in der Hauptburg unterstanden. Der restliche Platz in den Vorburgen blieb für die in der näheren Umgebung wohnenden Bevölkerung samt Nutzvieh übrig, die sich hier im Fall einer Belagerung zurückziehen konnte. In den großräumigen Vorburgen gab es zudem Werkstätten, Vorratshäuser, sowie mehrere Brunnen. So konnte man im Belagerungsfall eine gewisse Zeit vor dem Feind ausharren. Diese frühslawischen Großraumburgen wurden fast alle von der zweiten Hälfte des 9. bis frühen 10. Jahrhunderts aufgegeben. Die Ursachen dafür liegen sicher mit der Unterwerfung der wilzischen Stämme seit dem Jahr 789 unter "Karl dem Großen" zusammen. Die jeweiligen slawischen Burgherren verloren durch die fränkische Unterwerfung im Laufe der Zeit ihre politische Macht und konnten oder durften ihre großen Burgen nicht mehr halten.

Burgwallaufbau Oldenburg in Holstein , nach R. Krüger 2026
Ab dem letzten Drittel des 9. Jahrhunderts (um 875) entstanden nun kleinere, meist kreisrunde bis ovalförmige Ringwälle mit Durchmessern von 40 bis 90 Meter. Auch diese wurden wieder aus hölzernen Rost- oder Kastenkonstruktionen errichtet, die anschließend mit Erde verfüllt wurden. Allerdings waren diese meist wehrhafter ausgebaut und hatten im Endstadium sicher Wallhöhen von 7 bis 10 Meter (z. B. Burgwall Groß Raden in Mecklenburg-Vorpommern; Burgwall Raddusch in Brandenburg).
Burgwall Lenzersilge in Brandenburg im 9. Jahrhundert, nach R. Krüger 2025
Burgsiedlung des 9./10. Jahrhunderts von Leegebruch in Brandenburg, nach R. Krüger 2026
Die mittelslawischen "Kleinburgen" lagen fast alle auf Talsandinseln in unzugänglichen Niederungen und verfügten im nahen Vorfeld über leicht befestigte Vorburgsiedlungen. Im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen gab es auch mittelslawische Kleinburgen, die in Höhenlage am Rand von Niederungen und Gewässern errichtet wurden (z.B. Burgwall Bülow am Malchiner See, Burgwall Rothenmoor, Burgwall Ganschendorf "Wendenwall", Burgwall Dargun "Tiergarten", Burgwall Pantlitz usw.) In den oftmals nur mit flachen Gräben, hölzernen Palisaden oder flachen Wällen gesicherten Vorburgen lebten vor allem die Handwerker, die die Burgleute mit Alltagsgegenständen versorgten. Getreide und Schlachtvieh wurde von naheliegenden Siedlungen geliefert. Heute interpretiert man diese "Kleinburgen" als Herrschaftssitze von slawischen Lokalherrschern, die nur über wenig Macht verfügten.
In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurden viele mittelslawische "Kleinburgen" zerstört. Der deutsche König Heinrich I. und sein Nachfolger Otto I. unterwarfen ab dem Jahr 929 in mehreren Kriegszügen viele Slawenstämme östlich der Elbe. Ab dem erfolgreichen Slawenaufstand von 983 entstanden wieder größere Anlagen bei den Slawen, die nun vermehrt auf Inseln, an Flussläufen oder auf Halbinseln lagen. Zu den großen Inselburgen führten hölzerne Brücken, die oft mehrere hundert Meter lang waren (z.B. Burgwallinsel Teterow, Burgwallinsel Mölln; beide in Mecklenburg-Vorpommern). Die längste, bisher nachgewiesene Brücke führte von der spätslawischen Burgwallinsel Fergitz in Brandenburg quer durch den Oberuckersee und hatte eine Länge von 2200 Metern! Eine weitere 400 m lange Brücke führte über eine Wassertiefe von ca. 17 m an die Insel heran. Bis heute stellen diese beiden Brücken eine Meisterleistung im slawischen Brückenbau dar!
Etwa 50 m große mittelslawische Burg im Aufbau, nach R. Krüger 2026
Blick durch ein Tunneltor in einen Burgwall, nach R. Krüger 2026
Es gab auch diverse Tempelburgen bei den Slawen. Nach einer Überlieferung hatte jeder slawische Stamm eine Stammesburg, in der ein Hauptheiligtum verehrt wurde. Die bekanntesten Tempelburgen waren die Burg am Kap Arkona auf Rügen, die Burg Mecklenburg bei Wismar in Mecklenburg-Vorpommern, die Burg Starigard im heutigen Oldenburg in Schleswig-Holstein, sowie die Burg "Rethra" (Riedegost), die bis heute nicht eindeutig lokalisiert werden konnte. Der mittel- bis spätslawische Kultort "Rethra" lag entweder im Bereich des südlichen Tollensesees bei Neubrandenburg (Fischerinsel Wustrow), oder auf der Insel "Schulzenwerder" im Jäthensee südlich von Babke, oder nach meiner Meinung auf dem "Seeberg" bei Mölln nahe Neubrandenburgs (alle in Mecklenburg-Vorpommern).
Dies sind nur einige wenige Beispiele für Burgen mit Heiligtümern. Man kann also bis hierhin festhalten, dass sich der Bau der Burgen in der früh-, mittel- und spätslawischen Zeit bis auf den Umfang kaum verändert hat. Die Slawen haben auf heute deutschem Gebiet nie Burgen aus Stein gebaut.
Idealbild einer mittelslawischen Burganlage, nach R. Krüger 2026
In der Gegenwart erkennt man ihre Burgen meist nur noch an unscheinbaren, oft mit Bäumen bestandenen Erdwällen unterschiedlicher Höhen. Oft wurden sie stark von der Landwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen oder völlig abgetragen und sind nur noch mittels alten Landkarten, modernen Luftaufnahmen, oder von Fachleuten im Gelände als flache Hügel erkennbar.
Burgwall Brandenburg an der Havel im 10. Jahrhundert, nach R. Krüger 2026
In ganz Deutschland soll es um die 700 Slawenburgen gegeben haben. Da ich auch vermutete und abgetragene Burgen aufführe, komme ich auf etwa 800 Slawenburgen auf heute deutschem Gebiet.
Mittelslawischer Ringwall im Sumpf im 10. Jahrhundert, nach R. Krüger 2026

Inselburg des 10. Jahrhunderts, nach R. Krüger 2026

Burgwall Kap Arkona "Jaromarsburg" auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern um 1100, nach R. Krüger 2025
Burgwall Berlin Blankenburg zur Slawenzeit, nach R. Krüger 2025
Blick zu einer mittelslawischen Ringwallburg des 10. Jahrhunderts, nach R. Krüger 2026
Viele slawische Burgen gingen am Ende in gewaltigen Feuerkatastrophen unter, nach R. Krüger 2025
Burgwall Scharstorf "Wallwiese" in Schleswig-Holstein im 9. Jahrhundert, nach R. Krüger 2026

Zu vielen slawischen Inselburgen und Inselsiedlungen führten einfach aufgebaute Brückenkonstruktionen, nach R. Krüger 2026
Burgwall am Kap Arkona auf der Insel Rügen, nach R. Krüger 2026
Idealbild einer slawischen Burgwallruine, nach R. Krüger 2026